Kieler Meeresfarm - Konzept 2022


25.04.2022

 

 

… hier gibt es mehr Hintergrundinformationen zum Artikel in den Kieler Nachrichten vom 20.04.2022  :-)   

 

 

Impulse für Wachstum und Entwicklung:

 

Die Kieler Meeresfarm entwickelt sich zu einer IMTA. Dafür war zunächst geplant, zuerst die Muschelproduktion zu festigen, dann die Algen in das Programm aufzunehmen und danach erst die Fische. Aufgrund vielfältiger Veränderungen der Rahmenbedingungen scheint sich die ursprüngliche Planung und Ausrichtung der Firma nun allerdings ebenfalls verändern zu müssen:

 

Die letzten beiden Jahre haben corona- und wetterbedingt für stark reduzierte Ernten / Verkäufe gesorgt bzw. einen totalen Ernteausfall verursacht.

 

Aktuell hat eine Eiderenten-Population den gesamten Muschelbestand gefressen, sodass die nächste Muschelernte frühestens in 1,5 Jahren stattfinden kann.

 

Hinsichtlich der Fische hat eine Umkehr im Denken stattgefunden: Behördlich genehmigt ist die Zucht von Regenbogenforellen für den kommerziellen Verkauf - eine Fischzucht für kommerzielle Zwecke stellen wir aber inzwischen grundsätzlich in Frage, da die Nachhaltigkeit dabei kaum gegeben ist. 

 

 

Überlegungen:

 

Wir arbeiten wind- und wetterabhängig in und mit der Natur. Äußere Bedingungen können wir nur bedingt beeinflussen, was es unternehmerisch riskant macht, sich auf nur ein Produkt zu konzentrieren.

 

Auch die Entwicklungen auf dem MFG5-Gelände bergen ein gewisses Risiko für den Fortbestand einer Meeresfarm in der bisherigen Ausrichtung in der Zukunft.

 

Wir möchten unseren Werten, Visionen und Idealen treu bleiben und die Meeresfarm entsprechend ausrichten.

 

 

Werte und Wandel:

 

Nachhaltigkeit und Transparenz sind für uns elementare Werte.

Wir möchten möglichst viele Menschen an unserer Meeresfarm teilhaben lassen.

 

Wir betrachten uns nicht als Muschelzüchter*innen, sondern als Meeresfarmer*innen.

 

 

Idee:

 

Wir bewirtschaften eine großartige Wasserfläche, die unglaubliches Potenzial birgt, und füllen diese mit Leben!

 

 

Paradigmenwechsel:

 

Lange Zeit waren wir sehr darauf bedacht, unsere Firma und unser Know-How nach außen zu schützen. Niemand sollte zu genau erfahren, wie wir die Dinge so machen - zumindest so lange, bis wir selber gefestigt „im Sattel“ sitzen. Die ständige Abwehr neugieriger Blicke und verdeckter Informationsbeschaffung ist allerdings nicht nur anstrengend, im Grunde führt sie auch zu nichts.

 

Die Methoden der Muschel- und Algenzucht sind ja auch keine Geheimnisse. Aber:

 

Die Antragstellung und das Genehmigungsverfahren haben Jahre in Anspruch genommen. Die Auseinandersetzung und die Zusammenarbeit mit den durchaus wohlwollenden Behörden haben unglaublich viel Zeit und Geduld in Anspruch genommen. Wir haben viel Unterstützung erfahren, dennoch musste immer wieder nachgearbeitet werden, immer wieder mussten neue Informationen beschafft werden, immer wieder stiegen die Finanzierungskosten, immer wieder mussten wir langwierig geplante Methoden und Abläufe verändern. Alles verständlich, da wir ein Pilot auf diesem Gebiet sind, und sämtliche Entscheidungsträger*innen daher besondere Vorsicht haben walten lassen.

 

Gleichzeitig kamen wir immer wieder an Punkte, an denen das Aufgeben deutlich näher lag als das Weitermachen.

Wir hatten das Gefühl, dass wir uns unseren jetzigen Status so hart und mühevoll erarbeitet haben, dass wir zumindest all denjenigen gegenüber, „die nach uns kommen“, unseren Wissensvorsprung erhalten wollten. Es durfte nicht sein, dass wir Jahre beschäftigt waren, bevor wir überhaupt starten durften, und andere dann von unserem Wissen und unserer Vorarbeit derart profitieren, dass sie in kürzester Zeit schaffen, wofür wir eine gefühlte halbe Ewigkeit gebraucht haben.

 

Diese Haltung entspricht nur überhaupt nicht unseren Idealen: Denn wieso sollen Andere nicht von unserer Vorarbeit profitieren? Nur, weil wir es schwer hatten, müssen Andere es ja nicht auch schwer haben. Vor allem nicht, wenn die Idee eine gute ist, wenn die Intention dahinter stimmt, wenn das Meer und die Umwelt geschützt werden, wenn qualitativ hochwertige und reine Produkte entstehen. Je mehr Menschen also in dieser Art aktiv werden, desto besser.

 

Wir möchten, dass die Meere, die Ostsee, die Kieler Förde nachhaltig (!!!) genutzt werden, wir entwickeln ständig unsere eigenen Prozesse unter diesem Leitsatz weiter. Wir möchten, dass sich Menschen für die Umwelt interessieren, sich mit ihr verbunden fühlen und für sie engagieren. Wir möchten gerne Geld verdienen - als regionaler Betrieb mit Herz und Seele und nicht als „Konzern“. Wir glauben an die Vielfalt. Wir glauben an die Mächtigkeit von Multiplikation. Wir sind kreativ und möchten gestalten. Wir sind wandelbar und anpassungsfähig. Wir mögen das Meer und wissen um unseren Schatz. Und wir mögen alle, die das Meer auch mögen.

 

Und so haben wir beschlossen, uns zu öffnen - und mit Kopf, Herz, Leib und Seele Meeresfarmer*innen zu sein. Wir wünschen die Vielfalt in unseren Produkten und werden nun alles gleichzeitig verfolgen und anbahnen, was sich uns bietet: Kleine Muscheln, große Muscheln, Algen, Queller und andere Pflanzen, Fische. Forschung. Bildung. Wissen. Und viele, viele teilhabende Menschen. Den Impulsen, die wir bekommen, werden wir ergebnisoffen nachgehen: Wenn etwas klappt, ist es gut. Wenn etwas nicht klappt, dann wird etwas anderes kommen. Und: Wir müssen nicht alles selber machen, es dürfen sich auch andere mit ihren Ideen auf unserer Meeresfarm verwirklichen - solange die Ideen zu unseren Haltungen und Werten passen.

 

 

Ansätze:

 

Muscheln

 

Hinsichtlich der aktuellen Eiderenten-Thematik stellt sich die Frage, ob es jemals möglich sein wird, die genehmigten 50 Tonnen Miesmuscheln für den menschlichen Verzehr zu produzieren. Es kann sein, dass es gelingt, unsere Muscheln zu schützen. Es kann aber auch sein, dass die Maßnahmen nicht greifen. Insofern werden wir von der angestrebten Tonnage zukünftig deutlich abweichen und maximal 5 - 10 Tonnen pro Saison für den regionalen Markt produzieren. Diese Tonnage lässt sich voraussichtlich an 2 - 4 Leinen erreichen - diese vor Eiderenten zu schützen, ist finanziell, personell und materiell leistbar.

 

Um dennoch die genehmigte Tonnage zu erreichen und Nährstoffe aus der Förde zu entnehmen, werden wir den Absatz der kleinen Muscheln forcieren. Diese Muscheln verbleiben dann nicht mehr 1,5 Jahre auf der Farm, sondern werden kurz vor dem Eintreffen der Eiderenten geerntet. Die Verweildauer auf der Farm beläuft sich dann auf die Zeit ab dem Larvenfall bis zum späten Herbst. Hierbei muss selbstverständlich der Anteil der Mini-Muscheln beachtet werden, die nicht aktiv von uns geerntet werden, um auch diesen Muscheln eine Chance zur Reproduktion zu bieten. Denkbare Absatzstrukturen liegen in der Weiterverarbeitung der kleinen Muscheln z.B. als Tierfutter oder zur Gewinnung von Muschelmehl / Muschelöl. Denkbar ist auch, diese Muscheln nicht zu schützen, um sie - gegen Ausgleichszahlung vom Land - gezielt den Eiderenten als Nahrung zu überlassen.

 

 

Algen

 

Inzwischen haben sich neue Möglichkeit der Algenzucht ergeben - diverse Firmen bieten an, hiesige Algen zu vermehren und aufzuziehen, um dann mit den jungen Organismen Leinen und / oder Netze zu „beimpfen“. Diese Leinen / Netze werden dann jeweils im Spätsommer / Frühherbst auf der Farm ausgebracht und vor dem nächsten Larvenfall der Muscheln geerntet. Die Auswahl der Algen soll möglichst vielfältig sein, Absatzmöglichkeiten finden sich dann in den Bereichen Lebensmittel, Kosmetik und Medizin.

 

Zudem werden wir die Algennetze auch dafür verwenden, die Muschelleinen mechanisch durch „Algenvorhänge“ vor den Eiderenten zu schützen.

 

 

Fisch

 

Kommerzielle Fischzucht kann in unseren Augen - zumindest momentan - nicht nachhaltig sein. Für das Fischfutter wird Fischmehl verwendet, das aus der großindustriellen Fischerei stammt, welche wiederum den Meeren schadet. Dieses Vorgehen möchten wir nicht unterstützen. Wir werden erproben, ob es möglich ist, aus den eigenen Muscheln Fischfutter für die eigene Zucht herzustellen - dann wäre auch der Weg der kommerziellen Fischzucht für uns gangbar. Alternativ eruieren wir Möglichkeiten für Nachzucht- und Auswilderungsprojekte, um gezielt den regionalen wilden Fischbestand zu stärken.

 

 

Multi-Use-Fischgehege

 

Die Fischgehege werden wir gemäß unserem grundsätzlichen „Multi-Use-Gedanken“ gestalten. Das Netzgehege wird von Schwimmern gehalten, die sowohl Photovoltaik-Paneele für die Stromgewinnung tragen, als auch mit (bestenfalls essbaren) Pflanzen bepflanzt werden.

 

Die Fische erhalten dadurch Schutz- und Schattenplätze und Rückzugsmöglichkeiten. Die Wasserfläche wird optimal genutzt. Zudem wird Strom produziert, der z.B. Fütterungsanlagen speisen kann oder als mögliche Ladestation für zukünftige Elektromotoren dient.

 

 

Forschungspontons

 

Zudem werden im Sperrgebiet zwei Forschungspontons mit geschlossenen Aufbauten über die Sommermonate fest verankert. Diese Pontons sollen den vielfältigen Forschungsanfragen für Untersuchungen auf unserer Meeresfarm Rechnung tragen. Die Pontons werden mit Arbeitsplätzen ausgestattet, zudem werden sie auch Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Die Pontons sind so konzipiert, dass sie hinsichtlich Strom und Wasser autark versorgt sind, eine Kläranlage für Abwasser ist ebenfalls installiert.

 

Sollten die Pontons einmal nicht durch Wissenschaftler*innen belegt sein, würden interessierte Laien die Möglichkeit erhalten, sich dort im Rahmen von kurzzeitigen Umweltbildungsprogrammen einzurichten.

 

 

(Schwimmende) Gärten

 

Salztolerante oder salzliebende essbare Pflanzen gehören unserer Ansicht nach ebenfalls unbedingt auf eine Farm. Zukünftig sollen also auch schwimmende Gärten installiert werden, um auch direkt auf dem Wasser Gemüse anzubauen - bis die Methodik dafür ausgereift ist, werden die Gärten erst einmal in kleinerer Form an Land aufgebaut. Als erstes starten wir mit einer Queller-Zucht, später sollen dann weitere Pflanzen hinzukommen.

 

 

Führungen

 

Führungen zur Farm, während denen wir über unsere Arbeit erzählen, sind schon lange fester Bestandteil unserer Arbeit. Diese Angebote werden wir ausweiten und somit kürzere und längere Umweltbildungsprogramme anbieten. Die Angebote werden dann weiterhin zu Land, aber zukünftig auch zu Wasser stattfinden: entweder als geführte SUP-Tour, als Schnorchel-Tour oder gar als Tauchgang.

 

 

Training-on-the-Job

 

Interessierte Menschen, die selber mit dem Gedanken spielen, das Meer in unserem Sinne zu nutzen, laden wir ein zu einem Training. Sie begleiten uns bei der Arbeit, stellen ihre Fragen, und wir zeigen und erklären alles, was wir dazu wissen. Wir nehmen für diese Mini-Ausbildung kein Geld - wir möchten lediglich als „Support“ erwähnt werden, wenn die zukünftigen Projekte dieser Menschen ihren Weg in die Realität finden.

 

 

Forschung

 

Forschung in jeglicher Form wird ebenfalls weiterhin eine tragende Säule der Meeresfarm sein. Es wird Forschungsprojekte geben, an denen wir mit grundsätzlicher Expertise beteiligt sind, es wird auch Projekte geben, die näher an unseren Arbeitsabläufen sind und die unsere eigenen Arbeitsprozesse voranbringen. Gleichzeitig werden wir Forschungsvorhaben Anderer tatkräftig unterstützen und den Raum, unsere Zeit und Arbeitskraft dafür zur Verfügung stellen.

 

 

Adopt-a-Loop

 

Wir möchten möglichst vielen Menschen die tatsächlich reelle Teilhabe an unserer Meeresfarm ermöglichen, dafür entwickeln wir ein Patenschafts-Programm. Adopt-a-Loop bedeutet das Angebot an interessierte Personen, ein Stück Schlaufe (Loop) einer Muschelleine adoptieren zu können - und somit die Reinigung des Wassers in der Kieler Förde zu unterstützen. 1 Stück Loop (1 Fuß) kann mit einem kleinen Geldbetrag / Jahr unterstützt werden, was auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich ist. 

 

 

 

Unsere Meeresfarm ist bunt, fröhlich und lebendig - und eine nährende Quelle für alle, die sich mit wahrhaftigen und aufrichtigen Intentionen mit ihr und uns verbinden mögen.